Sicherheitsrisiko

Einer der gefährlichsten Berufe neben Sprengmeister, Hochseilartist und Politiker ist der Beruf des Alleinunterhalters und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einer der unvorhersehbarsten überhaupt. Was – das glauben Sie nicht? Sie meinen, ein bißchen auf Tasten drücken und die Leute angrinsen, das könne jeder? Pustekuchen! Es beginnt schon mit der Anfahrt. Gut – daß es im Straßenverkehr heutzutage lebensbedrohlich zugeht, das wissen wir alle, das Risko trägt auch jeder Handelsvertreter und – lassen wir das.

Die nächste Station: Gasthaus. Pickelharte Waschbetontreppen mit dreißig Grad Stufenneigung zu erklimmen ist, besonders zur Winterzeit, ein höllisches Vergnügen. Da sich ein Musikant nur höchst selten Steigfelle unter die Bata-Slipper schnallt, ist er gezwungen unter Zuhilfenahme natürlicher Zentrifugalkräfte sich von Stufe zu Stufe zu schwingen, in einer Hand Case, Rack oder Koffer, mit der anderen hangelt er sich Zentimeter für Zentimeter am Treppengeländer hoch. Ein Fehltritt endet, wenns gut geht, mit abgehäutetem Schienbein oder angeknacksterm Mittelfuß (Heilprozeß zwei bis vierzehn Tage) oder, im schlimmeren Fall, mit Geräteschaden (Reparaturprozeß zwei bis vierzehn Wochen).

Der Boden im Foyer: Eine Kopie vom Spielfeld im Düsseldorfer Eisstadion mit ebensolchen Gleiteigenschaften, besonders wenn die Schirmständerpfütze die Ausmaße eines mittleren Karpfenteiches angenommen hat. Einmal aus der Balance, endet die daran folgende Schlidderpartie nicht selten mit ausgekugelten Schulter- und Hüftgelenken. Besonders ärgerlich ist es in diesem Zusammenhang, wenn  auch das neue Keyboard fünf Meter weiter die Treppen zur Toilette hinunter verabschiedet.

Tieffliegenden Servicebombern räumt man am besten ohne Murren absolute Vorfahrt ein, wobei  natürlich Kollisionen nie auszuschließen sind. Am effektivsten gestaltet man diese, indem man wartet, bis die Bedienung mit einem übervollen Tablett ausgetrunkener Sektgläser in die Anflugschneise zur Theke düst. Dann schwingt man sich fröhlich pfeifend, in der einen Hand die Keyboardtasche, mit der anderen die Scheinwerfertraverse über der Schulter jonglierend, um die Garderobenecke. Aber auch diese muntere Handlungsweise kann sich für den Musikus als gefährlich erweisen, wenn nämlich die Gläser ihm unversehens um die Ohren fliegen anstatt, wie erwartet, mit Original Lemontree-Klirren am Boden zu zerschellen.

Bühnenpodeste bedeuten im Normalfall eine halbe Lebensversicherung. Schützen doch diese vor plötzlich auftretendem Hochwasser, abgekuppelten Rock’n-Rollern und sonstigen Wurfgeschossen auf Kniehöhe, seien es jetzt Pfennigabsätze oder auch mal ganze Schuhe. Sollten sie noch in der Zeit vor der Jahrhundertwende geschreinert worden sein, ist auch schon mal ein durchgetretenes Brett vorhanden, in dessen Ächzen sich das Knacksen der Kniescheibe des Musikanten mischt. Was auch bisweilen möglich ist – daß dem Tastenspieler der Himmel auf den Kopf fällt: In Gestalt einer morbiden Vorhangstange aus der Ära Kaiser Wilhelm oder eines noch mundgeblasenen, mückenbeschwerten Lampenschirmes mit der Inschrift „Es leuchte das Deutsche Reich“.

Hinterhältige Hexenschüsse sind beim Anlagenaufbau an der Tagesordnung. Ab und an schleichen sich unwissende Musikwünscher schräg nach hinten, um von dort aus mit einem leichten Tippen auf die Schulter des selbstvergessenen Top-Entertainers diesen zu einem abrupten Wendemanöver zu zwingen: 1. Knacks 2. Schrei 3. Halskrause. Der Alleinunterhalter als beliebtes Angriffsziel sämtlicher vorhandener Virenstämme, als zuckender Kontrolleur defekter Steckdosen, als bandscheibengeplagter Frührentenaspirant – die Reihe ließe sich endlos fortsetzen.

Wie fie mal beim Tanfen in die Anlage geflogen find und mir mit dem Mikrofon fwei Fähne aufgeflagen haben, daf erfähle ich euch ein anderef Mal.   – psg –

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